Nordalbanien

Reisebericht Albanien – Zwischen Bergen und Geschichte

5. – 18. Oktober 2022

Wir, eine Gruppe wanderfreudiger Zürcher Oberländer, treffen uns am Flughafen Zürich für eine Tour im unbekannten Albanien.

Der Reiseleiter und Gründer von „Albanien Reisen“, Saimir Shala aus Greifensee, ist Kosovo-Albaner und begrüsst uns mit den nötigen Papieren für einen unbeschwerten Flug nach Tirana, Albaniens Hauptstadt.

Wir, das sind Dodo, Herbert, Hansueli, Martin, Emil und Elisabeth, Hanspeter und Ursula, Ueli und Bernadette, Urs und Käthi, Luzia und ich.

Zum 20 jährigen Bestehen der Swiss, nachdem die Swissair so unrühmlich gegroundet war, verteilt das Bordpersonal grosszügig Swiss-Schöggeli.

Ich kann es nicht lassen, die Dame am Ausgang kurz anzusprechen, ob sie mir vielleicht noch ein weiteres Schöggeli schenken möchte, worauf sie mir mit einem schelmischen Lächeln ein ganzes Säckchen überreicht.

Mit einem schwarzen Bus erwartet uns bereits unser Fahrer Diu. Er verlädt unser Gepäck im Stauraum und steuert uns sicher durch den gefährlichen Verkehr Richtung Norden. Gefährlich ist der Verkehr, da die Strassen Löcher und Dellen aufweisen. Zudem waren bis Ende der 1980er Jahre lediglich 100 Autos zugelassen waren, die natürlich alle von den kommunistischen Führern gesteuert wurden.

Wir fahren auf einem Stück Autobahn nach Shkodra, welche die Fahrzeit nach Pristina von 14 auf 4 ½ Stunden verkürzte.

Albanien ist bisher noch kein Teil der EU. Entsprechend ist der Handel sehr eingeschränkt. Das Land ist weitgehend Selbstversorger, produziert 97 % seiner Energie aus erneuerbarer Wasserkraft. 40% des BIP kommt aus der Landwirtschaft.

Der Tourismus ist sehr stark im Aufbau.

Unterwegs fallen uns Hochzeitshäuser auf. In Albanien ist es Brauch, 100 bis 300 Leuten zu einer Hochzeit einzuladen. Oft nimmt ein ganzes Dorf daran teil. Natürlich ist eine solche Feier sehr teuer, so dass sich Brautleute manchmal verschulden. Saimir meint, er habe deshalb noch nicht geheiratet. Er ist mit seiner Frau zusammen und hat einen zweijährigen Sohn.

Auch Mini-Bunker fallen uns auf. Bis 300‘000 solcher Bauwerke finden sich im ganzen Land. Sie bieten Platz für zwei Soldaten und hätten die Freiheit der Albaner beschützen sollen, wobei diese Freiheit eher ein Käfig war, denn Kontakt mit der Aussenwelt war unmöglich. 1946, kurz nach dem Krieg, übernahm Enver Hoxha das Land und trimmte es auf den Kommunismus ein. Er verbündete sich mit der UdSSR, überwarf sich jedoch mit deren Führer und orientierte sich an den Methoden von China. Als auch die Unterstützung aus China versiegte, schottete er das Land komplett von der Welt ab. Erst mit der Revolution von 1991 öffnete sich Albanien.

Sofort setzte ein grosser Exodus ein, denn rund die Hälfte der Bevölkerung verliess ihre Heimat und suchte ihr Glück in anderen Ländern.

Wir unternehmen einen Spaziergang durch Shkodra. Hoch über der Stadt liegt die Festung Rozafa. Der Sage nach bauten drei Brüder die Burg. Ihre Bemühungen waren aber umsonst, da die Mauern jede Nacht wieder einstürzten. Ein alter Mann riet ihnen, eine Frau einzumauern. Dann würden die Mauern für immer halten. Die drei Brüder vereinbarten, diejenige ihrer Ehefrauen zu opfern, die am nächsten Tag als erste das Mittagessen bringen würde. Die beiden älteren Brüder weihten ihre Ehefrauen entgegen der Abmachung in den Plan ein. So war es die junge Rozafa, die am nächsten Tag als erste am Bauplatz erschien. Sie nahm ihr Schicksal hin, bat aber darum, dass man eines ihrer Augen, eine ihrer Brüste, einen Arm und ein Bein nicht einmauern würde. So konnte sie weiterhin ihr Kind sehen, ihm die Brust geben, es streicheln und mit dem Bein die Wiege schaukeln. (Wikipedia)

In einem Park ist die Rozafa als Statue zu sehen. Andere Darstellungen zeigen die Mühsal der unter dem Kommunismus leidenden Menschen.

Mutter Theresa darf nicht fehlen. Eine Statue sei in jeder grösseren Stadt zu finden. Die Führer des kommunistischen Regimes hatten allerdings Mühe mit der berühmten Schwester, denn sie half nicht nur den Menschen, sondern verbreitete auch den christlichen Glauben, der in Albanien unter Hoxha verboten war.

Die heutigen Leute empfinde ich als offen, fröhlich und gerne zu einem Schwatz bereit. Zwei hübsche, junge Frauen lassen sich nach den Woher- und Wohin-Fragen auch gerne in meinem Fotoapparat festhalten.

Die Stadt liegt in flachem Gelände und entsprechend fahren viele Bewohner mit Velos zur Arbeit oder zum Einkaufen.

Häufig sitzen alte Männer auf Parkbänken, in Cafés oder spazieren auf den Strassen. Sie haben ihr Outfit noch nicht den neuen  Gegebenheiten angepasst, tragen Anzug mit Kittel und manchmal sogar Krawatte, denn dies gehörte zu einem richtigen Kommunisten der Hoxha-Zeit.

An den Strassen finden sich kleine Geschäfte, wo Velos repariert, Kleider genäht oder Schuhe geflickt  werden. Die Stadt ist voller Leben, Passanten zirkulieren auf den Trottoirs oder in den autofreien Zonen, Cafés bieten Platz für Durstige oder zum Plaudern, Autos stehen etwas ungeordnet an den Strassenrändern, Velofahrer kurven um die Leute herum, und es herrscht eine fröhliche, friedliche Stimmung.

Im angenehmen Hotel „Tradita“ in Shkodra finden wir schöne Zimmer für unsere erste Nacht im fremden Land.

Beim Nachtessen werden wir sogar von drei Musikern mit für uns fremdem Gesang und Musik  verwöhnt. Der eine spielt auf einer albanischen Langhalslaute, einem zweisaitigen Instrument.

 

Donnerstag, 6. Oktober:  Shkodra – Valbonatal

Eine frühe Abfahrt ist erforderlich, um eine Fähre zu erreichen, die nur einmal pro Tag auf dem Komansee durch die Drin-Schlucht fährt.

Boris, unser zweiter Führer stösst zu uns. Er ist 29 Jahre alt, trägt einen schicken Strohhut und stammt aus Albanien, ist jedoch nach der Flucht mit seiner Mutter in Deutschland aufgewachsen.

Auf einer Holperpiste fahren wir bald auf- bald abwärts. Manche Strecken sind asphaltiert, andere Abschnitte weisen riesige Schlaglöcher auf, denen unser Fahrer meistens geschickt ausweicht. Die gut ausgebauten Strassenstücke weisen darauf hin, dass ein Politiker in der Gegend wohnt.

Schliesslich gelangen wir zu einem Tunnel und stecken darin in einer Autokolonne fest, denn auf der andern Seite steht die Fähre, die uns aufnehmen soll. Wir verlassen den Bus, während Diu sein Fahrzeug neben stehenden Autos vorbei kutschiert. Bereits sind wir auf dem Oberdeck der Fähre, als wir beobachten, wie Diu den Bus nun zwischen den herumstehenden Autos drehen muss, um rückwärts auf das Schiff zu fahren. Eine kitzlige Angelegenheit, denn die Bodenfreiheit des Busses ist gering. Diu jedoch meistert das Ganze mit Bravour.

Die Kälte auf der Fähre dringt langsam aber sicher bis auf unsere Haut vor, so dass wir alles anziehen, was wir in unseren Rucksäcken mittragen. Trotz steifen Fingern halten wir es während der 2½-stündigen Fahrt auf dem Oberdeck aus, denn die Sicht ändert stetig und öffnet immer wieder neue Perspektiven.

Mit einer Ärztin aus Berlin, Anna heisst sie, komme ich ins Gespräch.  Sie schwärmt von ihren Erfahrungen in Albanien, während ich erst wenig vom unbekannten Land zu erzählen weiss. Dafür treffen wir uns in unserer Diskussion in andern bereisten Ländern.

Beim Entladen der Fähre in Fierze wird zuerst Kies unter die Ladeklappe geschaufelt, damit die Fahrzeuge nicht auf dem unebenen Boden aufkratzen.

Endlich wieder im warmen Bus geht’s zügig zum Restaurant. Da wird aufgetischt, was das Zeug hält. Bald sind die Tische mit Platten voller Häppchen gefüllt, dass kaum mehr Platz für die weiteren hergebrachten Speisen bleibt. Salat, Suppe, Teigwaren, Kartoffeln, Fleischbällchen, mit Reis gefüllte  Peperoni und zum Schluss ein Dessert. Fast alle trinken Wein, die einen wenig, die andern mehr bis viel.

Dann aber heisst es wandern, um die gewonnenen Kalorien wieder zu verbrennen. Wir folgen dem Drin-Fluss nach Valbona zum „Quki (tschuki)“, das heisst Schwanz und bildet den obersten Teil des Flusses.

Der Weg ist rau. Steine und Felsbrocken verlangen ein vorsichtiges Vorwärtsgehen – da geschieht’s! Martin fällt und verletzt sich an Beinen und Armen. Zum Glück kann er trotzdem weiter wandern, nur das eine Hosenbein trägt Blutspuren davon.

Eine langgezogene Wasserfuhre erinnert an die einstige Möglichkeit dem Fluss Wasser abzutrotzen.

Über einen schmalen Holzsteg soll ein Bauer täglich seine Ziegen zum Weiden führen. Im Moment ist er nicht unterwegs, dafür überrascht uns eine Missbildung an einem Baumstamm, die als Laune der Natur einem Fisch gleicht. Wir haben ebenfalls über wacklige Brücken den Flusslauf zu überqueren, freuen uns an den bunten Herbstfarben und dem glasklaren Wasser.

Mitten im Wald fallen uns drei Gräber auf, die verraten, aus welchen Familien die Verstorbenen stammen.

Gegen den Abend hin finden wir im schönen Gasthaus „Residenza“ im Nationalpark Valbona unsere Unterkunft. Per Bus fahren wir nochmals ein Stück zurück zum Nachtessen in einem feinen Restaurant.

Ein Blick aus dem Hotelzimmer zeigt uns zum Trocknen aufgestellte Maisstängel, die als Viehfutter im Winter dienen.

Dächer sind nicht wie bei uns mit dünnen Schindeln gedeckt, sondern mit Holzbrettern, die Wärme im Haus erhalten und Regen abhalten sollen.

 

Freitag, 7. Oktober: Bergtour zum Hirten Rama und zum „Pyramidenstein 18“, dem Grenzstein zu Montenegro

Der Himmel verspricht schönes Wetter, so dass wir uns zeitig auf unsere Bergtour aufmachen.

1100 m sollen wir überwinden, um den „Grenzstein 18“ zu Monte Negro zu erreichen.

Nach einem Drittel des Aufstiegs kommen wir an einem Dorf vorbei, das allerdings nur aus zwei Häusern besteht. Saimir erzählt, dass er einst mit einem der Bewohner im Pickup-Auto auf der Ladebrücke mitfahren konnte. Der Fahrer sei jedoch so schnell über Stock und Stein gefahren, dass sein Hinterteil arg in Leidenschaft gezogen wurde.

Auf halber Höhe treffen wir auf den Hirten Rama. Mit seinem feinen Kittel und den Faltenhosen erinnert er kaum an unsere Hirten in den Alpen. Er hält etwas auf sein Äusseres und sei stets elegant  angezogen. Seit 45 Jahren übt er seinen Beruf als Hirte aus. Während der kommunistischen Zeit wurde er enteignet. Heute nennt er seinen Besitz wieder sein Eigen, aber geregelt ist noch nichts.

Fünf Melkkühe und zehn andere Kühe betreut er zusammen mit seiner Frau. Früher hirtete er Ziegen und Schafe. Saimir hat ihm geholfen, sein winziges, touristisches Geschäft mit Kaffee, Süssgetränken  und Raki auf die die Beine zu stellen. Heute macht er seinen grossen Gewinn mit uns, denn wir sind gute Kunden, schätzen seinen Tee, Kaffee und vor allem den Raki, je zum Preis von 1€.

Den Aufstieg zum „Pyramidenstein 18“ machen alle mit, und es kommen alle auch oben an. Die Aussicht ist phänomenal. Mit wenigen Schritten betreten wir auch das Land von Montenegro; früher ein Ding der Unmöglichkeit, denn die Grenze war streng bewacht, so dass keiner dem Käfig der Kommunistischen Diktatur entkommen konnte.

Wir ergeben uns nach unserem Picknick sogar dem friedlichen Mittagsschlaf auf der karg bewachsenen Wiese.

Nationalparks wurden mehrere in Albanien eingerichtet, aber die Grenzzäune fehlen, Ranger sind keine angestellt, welche die illegale Jagd bekämpfen könnten. Eintrittsgebühren könnten die Kosten von Wächtern möglich machen. So ist auch eine Wiederansiedlung von Wildtieren unmöglich, denn sie würden in Kürze in einer Pfanne landen.

Beim Abstieg machen wir einen zweiten Halt bei Rama. Nach einigem Zögern zeigt sich auch seine Frau und freut sich an uns Gästen.

Am Abend im Hotel erreicht Luzia eine schlechte Nachricht von zu Hause. Ihre Mutter ist in der letzten Nacht verstorben. Nicht unbedingt die besten Voraussetzungen für Ferien, aber auf eine vorzeitige Rückreise verzichten wir, da es schwierig wäre, aus dem Valbonatal nach zu Hause zu kommen. Überdies hat Luzia mit ihrer Familie vorbesprochen, was im Ernstfall zu tun wäre.

Im Gasthaus Residenza verbringen wir eine zweite ruhige Nacht.

 

Samstag, 8. Oktober: Wanderung Valbonatal – Valbonapass auf 1800 m ü. M.  – Theth

Der Herbst hat sein schönstes Kleid angezogen. Dazu strahlt die morgendliche Sonne in herrlicher Pracht. Heute wandern wir von Nationalpark zu Nationalpark, vom Valbonatal nach Theth.

Um uns einen langen Weg in einem Bachbett zu ersparen, können wir in einem Geländefahrzeug den ersten Teil des Tippels hinter uns bringen. Das Fahrzeug hat allerdings Mühe über all die Steine, das Geröll und den Kies des Bachbettes zu fahren, denn ein Fahrweg steht keiner zur Verfügung. Der Fahrer schafft es, uns an den Ausgangspunkt der Tour zu bringen, denn dies ist sicher nicht seine erste Fahrt gewesen.

Nach einem ersten Aufstieg, der unsere Schweissporen öffnen lässt, schalten wir beim „Simoni Kafe“ einen Halt ein. Mit Honig gesüsster Tee schmeckt ausgezeichnet und bringt einen wieder auf Touren, wenn die Anstrengung dem einen oder andern zu schaffen gemacht hat.

Im Winter ist die Hütte geschlossen, im Frühsommer ist alles wieder neu aufzubauen.

Wir sind nicht die einzigen Touristen, die den Pass überqueren wollen, denn einige überholen uns, andere bleiben zurück, und wieder andere tragen ihr Bike hinauf, um nachher hinunter sausen zu können. Wie dies möglich ist, bei all den Steinen und Felsbrocken im Weg, bleibt für mich ein Geheimnis, jedenfalls möchte ich nicht mit den Bikern tauschen.

Wer es einfacher haben will, lässt sich sein Gepäck auf Mauleseln bis zu einem Umschlagplatz transportieren. Dort warten weitere Maulesel von der anderen Passseite, um die Last ins Tal zu bringen.

Der Weg ist zum Teil etwas ausgesetzt, aber alle von unserer Gruppe trauen es sich zu, den Aufstieg zum Pass zu besteigen.

Einen besonderen Kick erfahren die Mutigen, denn ein kleiner Gipfelfelsen reizt einen zum Erklimmen. Bald bin ich oben und geniesse die Rundumsicht in die Berge.

Weniger angenehm sind zwei Drohnen, die mit Lärm um unsere Köpfe sausen. Touristen mit Turnschuhen oder anderen ungeeigneten Schuhen finden sich nicht nur in der Schweiz, sondern auch in dem teils schwierigen Gelände Albaniens.

Ein rutschiger Abstieg kommt auf uns zu. Wir haben aufmerksam Fuss vor Fuss zu setzen, um nicht auf unserem werten Hinterteil zu landen. Zum Glück gibt’s noch einen Halt in einem Restaurant in luftiger Höhe. Wir haben die Gelegenheit „Fli“ zu probieren. Es ist ein süsses Gebäck, das sehr aufwändig in mehreren Schichten hergestellt wird. Entsprechend schmeckt es uns ausgezeichnet. Es wird auch als salzige Variante hergestellt.

Vier unserer Gruppe eilen nun voraus, Herbert, Hanspeter, Martin und Ueli. Sie brauchen offensichtlich eine weitere besondere Herausforderung. Unten im Dorf warten sie auf uns Vorsichtige. Doch überrascht mich, dass sie nun alle Energie verbraucht haben, denn sie lassen sich von einem Bus zum Hotel bringen, während wir, Saimir, Emil, Hansueli, Urs und ich, den letzten Teil auf Schusters Rappen bestreiten. Im Dorf Theth treffen wir auf zwei Österreicherinnen, die in  Albanien an einem Gymnasium unterrichten, Deutsch und Englisch. Auf die Flasche Wein, die sie im Auto mitführen, wollen sie nicht verzichten und sie mit uns teilen, obwohl Saimir hinweisende Andeutungen macht.

Unterhalb des Dorfes Theth steht das Gasthaus Bujtina Polia, wo wir gerne aus unseren Wanderschuhen schlüpfen und uns ein Bier gönnen. Zeit bleibt uns dazu genügend, denn wir müssen mit dem Zimmerbezug warten, bis Diu mit unseren Koffern eintrifft.

Die Kirche von Theth steht stolz in der Talsohle. Sie sollte während der kommunistischen Zeit abgerissen werden, denn unter Hoxha war die Ausübung einer Religion verboten. Die Beauftragten für den Abbruch erlitten auf der damals noch unbefestigten, schwierig zu befahrenden Strasse einen Unfall, kamen vom Fahrweg ab und stürzten in die Tiefe. Dies rettete die Kirche, und man fragt sich, ob dies Gottes Fügung war, oder ob allenfalls etwas nachgeholfen wurde. Auf alle Fälle steht die Kirche bis heute und wurde bis zum Zusammenbruch des alten Regimes als Geburtshaus gebraucht. Auch ein schöner Verwendungszweck!

Kaum im Hotel angekommen fährt auch Diu mit seinem Bus vor. Er hat die ganze Strecke zum  Komansee zurückfahren müssen, um nach Theth zu gelangen. Es sei langweilig gewesen, ganz allein zu fahren, denn er spricht gerne mit unseren zwei Leitern und lacht dabei oft herzlich.

 

Sonntag, 9. Oktober: Theth – Wanderung zum Grunaswasserfall – Nyderlysaj – Blaues Auge

Wir unternehmen heute eine Wanderung abwärts auf der linken Flussseite im Shala-Tal.

Nach einer knappen halben Stunde schalten wir bereits eine Pause ein, denn Saimir kennt einen Wirt, der über eine Kaffeemaschine verfügt. So können wir in Ruhe einen guten Espresso geniessen. Obwohl die neu gebaute Strasse auf der andern Flussseite liegt, haben sich erstaunlich viele Gäste eingefunden, die ebenfalls auf das edle Getränk nicht verzichten möchten. Die Tochter des Wirts ist eben daran eine Kuh zu melken, selbstverständlich von Hand.

Fantastische Herbstfarben leuchten, so dass die Fotografen unter uns hin und wieder stehen bleiben müssen, um die Farbenpracht einzufangen, obwohl alle wissen, dass die Fotos nur ein Abklatsch der Natur bleiben.

Ein kurzer Aufstieg bringt uns zu einem Wasserfall. Mit gewaltigem Getöse stürzt das Wasser vom Felsen herunter. Die weisse Gischt spritzt weit in die Umgebung. Zuerst glaube ich es kaum, doch Saimir lädt uns ein, den Weg, der gleich neben dem Wasserfall vorbei führt zu benützen. Man braucht etwas Mut, seiner Einladung zu folgen, denn die Steine und Felsbrocken, über die wir balancieren müssen, sind glitschig. Doch niemand rutscht aus, und alle kommen trockenen Fusses auf der andern Seite an.

Als nächstes steigen wir zu einer kleinen Brücke hinunter, die über den in einer tiefen Schlucht unter uns  liegenden Fluss führt. Ein Blick hinunter zwischen den engen Felswänden lässt einen erschaudern.

Herrlich die Herbstfarben! Tiefrote Blätter leuchten sosehr im Sonnenschein, als ob sie unbekannte Wesen, vielleicht Heinzelmännchen, angemalt hätten.

Eine nächste Station bildet ein Projekt zur Unterstützung einer Familie. Zur Begrüssung gibt der Grossvater jedem Mann und jeder Frau die Hand, was mich vorerst erstaunt. Erst später, bei der  Verabschiedung, erneut per Handschlag, wird mir klar, dass der Gast mit dem Händedruck in die Obhut des Hausherrn genommen wird. Der Gast ist nach altem „Kanun“-Gesetz die wichtigste Person im Haus, die beschützt und verpflegt wird und ihr Obdach gewährt muss. Der Hausherr ist vom Betreten des Hauses bis zur Verabschiedung für den Gast verantwortlich.

Während des Besuchs werden wir mit Raki verwöhnt. Saimir bewirkt mit dem Projekt, das wir gerne unterstützen, dass die Familie einen kleinen Ess- und Trinkraum einrichten kann, um Touristen verpflegen zu können. Damit kann sie ihre Lebensunterhaltkosten verbessern und ist nicht gezwungen in einen grösseren Ort wegzuziehen.

Das Mittagessen bekommen wir in einem Restaurant am Fluss, wobei das Schaffleisch sehr zäh ist und die Zähne herausfordert.

Unser Ziel ist das „Blaue Auge“, jedoch ohne sich gegenseitig ein Auge blau zu schlagen! Das „Blaue Auge“ ist ein Wasseraufstoss. Woher das Wasser stammt, ist noch unerforscht. Es ist 50 m tief und von tiefer, blaugrüner Farbe. Zusätzlich strömt Wasser aus einem Seitenbach dazu, welches das Ganze noch eindrücklicher erscheinen lässt.

Bei einer Temperatur von 5 – 10° getraut sich niemand ins Wasser – oder doch?! Plötzlich springt Boris mit einem eleganten Köpfler ins kalte Nass. Später steigt auch Saimir hinein, wohl weniger aus purer Lust, denn aus Bedenken, Boris könnte ihn hänseln, denn das machen die beiden Freunde gegenseitig sehr gerne.

Wir nehmen den gleichen Weg zurück, und erst jetzt merke ich, wie gefährlich steil der Wegrand ist und teilweise wohl bis 50 m fast senkrecht in die Tiefe fällt.

Zurück im Dorf hält niemand dagegen, mit dem Bus zurück zum Hotel geführt zu werden.

Noch bleibt etwas Zeit, um der Kirche einen Besuch abzustatten. Es wäre wirklich schade gewesen, wenn sie abgerissen worden wäre. Sie ist nicht sehr alt, also kaum von historischem Wert, aber ihr Bild zusammen mit den Bergen und dem gediegenen Innenraum ist sehenswert.

Bereits vor der Reise lasen Luzia und ich den Roman „Der zerrissene April“ von Ismail Khadare. Er handelt vom „Kanun“ dem Grundgesetz, das dem Land vor allem in den gebirgigen Regionen eine Struktur gab, lange bevor schriftliche Gesetzesbücher existierten. Er regelte alle Bereiche des  gesellschaftliche Zusammenlebens. Darunter fiel auch die Handhabung der Blutrache, die während langer Zeit Familien in Zwietracht hielt. Im Kulla-Turm wurden wichtige Familienzwiste besprochen, Entscheidungen getroffen oder Versöhnungen inszeniert. Natürlich war der Turm den Männern vorbehalten, und keine Frau durfte ihn je betreten.

Doch anders ist es in der heutigen Zeit. Wir besuchen den Turm. Zuerst gilt es, einen Zaun zu überwinden, denn ein fester Draht hält das Tor geschlossen. Gelenkig wie wir sind, steigen wir einfach über die Abschrankung, aber schon liegt das zweite Übel vor uns, denn die Türe des Turms lässt sich auch mit dem Schlüssel nicht öffnen. Hoppla! Mit etwas Druck öffnet sie sich, als ob alles nicht ganz mit rechten Dingen zugehen würde.

Unsere Frauen gehören heute zur Ausnahme, denn auch sie dürfen sich in den höheren Raum des Turms begeben. Fast andächtig und feierlich sitzen wir bei mässigem Licht zusammen und hören uns die Geschichten über den „Kanun“ und dessen Anwendung an, als ob wir selber die Hüter des Rechts oder die Betroffenen wären.

Während des Zweiten Weltkrieges versteckten Albaner viele vor den Nazis flüchtende Juden, vor allem im Norden des Landes. Diese waren nun Gäste und wegen des „Kanun“ wurden sie nicht an ihre Feinde verraten, denn der Gast gilt mehr als alles andere. Deshalb besteht bis heute eine Visafreiheit für Israeliten in Albanien und umgekehrt in Israel.

Zum Nachtessen bekommen wir frischen Salat mit fleischigen Tomaten, Suppe, köstlichen Reis, Gemüse und Pouletschnitzel.

Im Lokal ist es sehr laut, so dass Gespräche oft ersticken. Kurz wird auch getanzt. Doch wir ziehen uns bald in die warmen Betten zurück, um am nächsten Morgen wieder gestärkt Neues erleben zu können.

 

Montag, 10. Oktober: Mit Bus über den Terthorpass nach Tirana

Offenbar hatte niemand Albträume von der gestrigen Sitzung im geheimnisvollen Turm, jedenfalls scheinen alle gut geschlafen zu haben und sind guter Laune.

Der Tumbler des Hotels jedoch hat seinen Geist aufgegeben, so dass die frisch gewaschenen Leintücher an den Stangen und Balken getrocknet werden müssen.

Theth liegt auf ca. 700 m ü. M. Auf der neu gebauten, asphaltierten und steilen Bergstrasse kämpft sich unser Bus 1000 m aufwärts auf den Terthorpass auf 1700 m ü. M.

Ein modernes Restaurant überrascht uns. Es erinnert mich an das Bergrestaurant auf Männlichen bei Grindelwald, das ebenfalls eine moderne Holzkonstruktion aufweist.

Ein Espresso stärkt uns. Dann aber erkunden wir die nähere Umgebung. Auf beiden Seiten fällt das in hellen Herbstfarben leuchtende Gelände steil ab.

Ein LKW Fahrer versucht über einen Bauplatz zu fahren, verpasst aber den richtigen Einfahrtwinkel, rutscht mit dem Vorderrad beinahe über eine hohe Kante, steht mit dem hinteren Rad an einem Holzklotz an, der dann von zwei Männern zuerst entfernt werden muss – ein LKW-Fahrer, der wohl besser einer andern Beschäftigung nachgehen würde!

Doch noch nicht genug! Auf seiner Ladebrücke lagern ein paar lange Kandelaber, aber so schief, dass sie weit nach aussen ragen. Fast nimmt er damit die offene Türe unseres Busses mit und rammt beinahe ein weiteres Auto. Schliesslich kommt er mitten in der Strasse zum Stehen. Zu fünft wird nun ein Kandelaber gesetzt, wobei viel Palaver nötig ist. Wir sind gezwungen, dem Manöver zuzuschauen, denn die Strasse ist für uns blockiert. Endlich ist der Beleuchtungskörper an seinem Ort, und wir setzen mit einem Lächeln unsere Fahrt fort.

In unzähligen Kurven geht’s nun bergab. Die Farben der Wälder ändern sich vom Bunten zum Grünen, denn je tiefer wir kommen, desto weniger hat der Herbst Einzug gehalten.

Eine Schafherde versperrt den Weg, aber wir haben Geduld, denn wir sind doch in den Ferien!

Nach einer langen Fahrt kommen wir in Shkodra an, Boris‘ Heimatstadt. Wir haben die Stadt zwar schon besichtigt, aber die Festung fehlt. Zu Fuss steigen wir den steilen Weg aufwärts. Oben erzählt uns Boris nochmals die berührende Legende der Einmauerung von „Rozafa“, damit die arme Frau uns wirklich in Erinnerung bleiben soll.

Die auf dem 130 m hohen Hügel liegende Burg wurde bereits im 4. Jh. v. Chr. von den Illyrern an strategisch wichtiger Stelle gebaut. Später nutzten die Byzantiner, die Venezianer und die Osmanen die Burg. Die meisten Gebäude sind zerstört, aber die Ruinen weisen auf die moslemische und christliche Religion hin.

Der Blick auf die Stadt mit den Flüssen Drin und Kir ist überwältigend. Shkodra diente einst auch als  Hauptstadt Albaniens. Da die Stadt nur 17 m ü. M. liegt, werden die flachen Ebenen oft überschwemmt.

Die St. Stefan-Kathedrale wurde erstaunlicherweise vom Sultan gebaut, einzig mit dem Ziel, den  Religionsfrieden zu erhalten.

Die albanische Sprache ist die erste Identität der Albaner. Die Zugehörigkeit zur Religion, sei sie christlich oder moslemisch, kommt erst nachher.

Im Moment wird eine neue, von der Türkei bezahlte Moschee gebaut. Dies scheint mir eine gefährliche Beeinflussung von Seiten Erdogans zu sein, denn vor allem ärmere Leute sind gerne dazu bereit, sich gegen Geld ihre Gesinnung unterordnen zu lassen.

Nach einer weiteren Busfahrt nach Fishte wird uns das Mittagessen im Agrotourismusbetrieb „Mrizi i Zanave“ serviert. Was hier alles an Mengen und Varianten aufgetischt wird, übertrifft alles Bisherige! Die Platten mit Häppchen um Häppchen füllen zunehmend die grossen Tische. Wir kommen kaum nach mit Staunen, geschweige denn mit Essen. Wahrscheinlich ist es für alle zu viel des Guten, aber probieren wollen doch alle von allem!

Anschliessend tun uns ein paar Schritte gut. Wir schauen uns den Betrieb an, wo fast alles selbst produziert wird, was auf den Tisch kommt, vom Käse bis zum Wein.

Er wurde von zwei Brüdern gegründet, die in der Schweiz im Winter mit dem Verkauf von Christbäumen ansehnlich Geld verdienten, dieses in ihr Projekt steckten und so den Agrotourismusbetrieb aufbauten.

Plötzlich – ein lautes Geschnatter! Eine grosse Schar Gänse, welche die ganze Breite des Weges beansprucht, kommt uns entgegen. Unmittelbar vor uns sind die ersten etwas verwirrt und irritiert, denn wir stehen mit unseren gezückten Fotoapparaten im Weg. Schliesslich räumen wir das Feld und lassen die weiter laut schimpfenden Gänse zwischen uns vorbei ziehen. Was für ein Schauspiel!

Im Betrieb ist wirklich alles zu sehen. Eben bringt ein Bauer eine Kanne Milch auf seinem Motorrad vorbei, die abgewogen und später zu Käse verarbeitet wird. Hätten wir vorher nicht so viel gegessen, wäre uns beim Betrachten des Käselagers, der leckeren Würste, der eingemachten Konfitüren und Früchte und des Weinkellers wohl der Speichel im Mund zusammen gelaufen.

Ein in Albanien lebender Italiener zeigt uns nachher sein Handwerk des Töpferns. In kürzester Zeit präsentiert er uns eine neu geformte Blumenvase und erzählt dabei, dass er auch Formen und Verzierungen aus alter Zeit wieder verwende, um die alte Kunst zu erhalten.

Im edlen Hotel Opera in Tirana können wir uns erholen.

 

Dienstag, 11. Oktober: Tirana im Regen

Auf die geplante Wanderung zum Hausberg Tiranas, den Dajtis, müssen wir leider verzichten, denn der Regen fällt in Strömen. Der Berg, der mit einer Seilbahn erschlossen ist, heute jedoch im Nebel liegt, war früher der Kommunistischen Führung vorbehalten. Gewöhnliche Bürger hatten oben nichts zu suchen.

Wir kommen anstatt der Wanderung zu einer interessanten Stadtführung Tiranas mit unserem Leiter Boris. Er lebt in der Stadt und weiss vieles zu berichten:

Eine grosse, mit viel Glas erstellte moderne Markthalle dient der Bevölkerung zum täglichen Einkauf von Lebensmitteln. Noch vor wenigen Jahren habe der Platz mit den diversen Verkaufsständen eher chaotisch gewirkt.

Wohnraum war früher im Erdgeschoss günstiger als in den oberen Etagen, denn wer möchte schon ebenerdig neben den schmutzigen Strassen wohnen. Heute ist es umgekehrt. Die Geschäfte haben sich im Erdgeschoss installiert. Entsprechend hat sich der Mietpreis unten verteuert und oben verringert.

Um die Jahre 1920 gehörte Albanien zu Italien. Sie erklärten Tirana zur Hauptstadt, da sie geschützt in der Mitte des Landes liegt. Ein grosszügiger Boulevard sollte die Wichtigkeit der Stadt unterstreichen. Nun hatte die Stadt zwar einen Boulevard, aber keine Häuser. Deshalb begann man in der Schnelle Gebäude zu errichten.

In der Mitte von Tirana wurde ein grosser Platz mit Steinplatten aus aller Welt ausgelegt. Sie sollen versinnbildlichen, wo die Albaner verstreut in vielen Ländern wohnen. Damit er im Sommer nicht unerträglich heiss wird, ist sogar ein Bewässerungssystem eingerichtet, das ihn für Alt und Jung zu einem Begegnungsort werden liess.

Nach der Revolution von 1991 begann ein gewaltiger Bauboom. Man baute, wo man konnte, oft illegal. Vor allem am Fluss Lana entstanden viele unerlaubte Bauten, die ihr Abwasser ungehindert ins Wasser ableiteten. Entsprechend breitete sich ein elender Geruch aus. Rigoros wurden die Häuser in jüngerer Zeit abgerissen, so dass der Fluss weniger nach einer Kloake aussieht.

Zur Freundlichkeit der Stadt tragen die Farben der Gebäude bei. Sie sollen im Gegensatz zum düsteren Grau die Kriminalität senken. Selbst die Fussgängerstreifen sind in bunten Farben gehalten.

Die Verkehrsschilder zeigen in fröhlicher Art, wie man sich in der Stadt verhalten soll.

Ein besonderes Gebäude bildet die Pyramide. Ursprünglich sollte sie ein Denkmal für den langjährigen Diktator Hoxha werden. Doch wollte man ihn nach den Gräueln, die er verursacht hat, nicht weiter in Ehren halten. Die Pyramide wird gebaut, aber der Zweck dient der Jugend mit ihren Bedürfnissen, Wünschen, Beschäftigungen und Vergnügen.

Supermoderne Hochhäuser bestimmen das Bild der Stadt. Sie ist zu einem Tummelfeld von Architekten geworden. Neue Bauten schiessen überall in die Höhe. Um die alte Zeit nicht ganz zu vergessen, hat sich die Stadt ein kleines Haus als historisches Zeugnis gekauft, das nun als Erinnerungsstück inmitten der modern gewordenen Stadt sein Dasein fristet.

Die Fassade eines modernen Hochhauses stellt mit herausragenden Räumen die Landkarte von Albanien dar.

Das Eingangstor der Schweizer Botschaft, soll für sagenhafte 30‘000 CHF erstellt worden sein. Hat dies wohl Bundesrat Cassis bewilligt?!

Eine kleine Gasse wurde in Anerkennung der heldenhaften Verteidigung des ukrainischen Staatsgebietes gegen die russische Aggression zur „Rruga Ukraina e Lirë“ umbenannt. Pikanterweise steht die russische Botschaft nun an der Strasse der Ukraine. Ob dies gewollt oder eher zufällig ist, bleibe dahin gestellt.

Das Innenministerium unter dem kommunistischen Regime Hoxhas liess für die Regierung mitten in der Stadt ein Bunkersystem errichten, um bei einem eventuellen Atomkrieg geschützt zu sein. Heute ist es das „Bunkart“-Museum, wo die Foltermethoden des Regimes, die Leiden der Gefangenen, deren Hilferufe und Listen von Gestorbenen und Verschwundenen an die schreckliche Zeit erinnern. Ein Gang durch die Bunker bedrückt Luzia und mich sehr und macht uns bewusst, dass die Knechtung der Menschen genau gleich wie in der ehemaligen DDR ausgeführt wurde.

Einen besonderen Eindruck macht uns das Fussballstadion. Mit seiner roten Farbe ragt es gefällig in den Himmel und weist darauf hin, was für eine grosse Bedeutung das Fussballspiel in Albanien hat.

Für seine Bedürfnisse lebte der Diktator Hoxha mit seiner Familie in einem stattlichen Haus. Seine Familie lebt unbehelligt irgendwo in der Welt.

Ein Besuch in der Orthodoxen Kirche und der alten Moschee nehmen wir auf eigene Faust vor.

Die ganze Stadt macht mir einen fröhlichen, entspannten Eindruck. Mit ihren zahlreichen Cafés und Restaurants, die von den Bewohnern gerne besucht werden, kommt sie mir vor als eine lebendige, prosperierende Stadt des 21. Jahrhunderts.

Natürlich hat Boris noch viel mehr erzählt, doch es führte zu weit, wenn ich alles auflisten würde.

Da der Regen noch immer den Tag beherrscht, ziehen wir uns gerne zum Ausruhen ins Hotel zurück.

Fürs Nachtessen sollten wir eine halbe Stunde zu Fuss gehen, doch schüttet es vom Himmel, als ob er alle Wolken ausleeren möchte. So wird kurzerhand entschieden, per Taxi zum Restaurant zu fahren. Schnell steige ich mit drei andern Mitreisenden in ein Taxi, das sofort ein Stück wegfährt. Der Chauffeur fragt uns nach dem Wohin, aber niemand weiss den Namen des Lokals. Zum Glück kommt uns Saimir zu Hilfe und weist den Fahrer an, wohin er fahren soll.

Fast etwas überrascht bin ich, als sich doch alle im selben Restaurant zusammen finden. Der Rückweg zum Hotel „Opera“ gestaltet sich wesentlich einfacher, obwohl der Regen nach wie vor vom Himmel fällt.

 

Mittwoch, 12. Oktober: Tirana – Vlorë – Llogara National Park

Wir verlassen Tirana und wenden uns dem Süden Albaniens zu.

In Vlorë schalten wir nach der langen Fahrt von Tirano einen Kaffeehalt ein, um uns am Meer satt zu sehen. Vlorë gilt als die Stadt der Unabhängigkeit, denn 1912 wurde erstmals die albanische Flagge gehisst. Leider währte die Freiheit nicht lange, denn 1920 besetzten die Italiener das Land.

Auch hier wird gebaut, als ob die Albaner im Geld schwimmen würden, um sich alle Wünsche erfüllen zu können. Viel Geld kommt aus dem Ausland, wo reiche Albaner wohnen und in ihrem Land in Hotels und Wohnbauten ihr Geld investieren.

In der Nähe soll ein neuer Flughafen gebaut werden. Allerdings würde er die Vogelwelt arg stören, denn Zugvögel würden genau wie wir auch mal gerne einen Halt einschalten, zwar weniger für einen Espresso denn für Nahrung.

Nach den mächtigen, weissen Hügeln zu schliessen, wird dem Meer Salz abgewonnen.

Nach einer weiteren halben Stunde im Bus fahren wir aufwärts Richtung Llogara-Pass. Neu wird ein Tunnel gebaut, der das Erreichen des Meeres aus dem abgeschiedenen Tal vereinfachen soll.

Beim Hotel „Alpini“ auf halber Höhe richten wir uns zum Übernachten ein, geniessen das Mittagessen, um uns gleich anschliessend in Wanderausrüstung bergwärts zu bewegen. Wir durchqueren einen wahrhaftigen Märchenwald mit umgestürzten Bäumen, Moos bewachsenen Stämmen und interessanter Pflanzenwelt.

Später wird der Weg steiniger und vom Regen dreckig und schmierig. Nebel zieht auf. Saimir verspricht zuoberst sei dann das ionische Meer zu sehen. Wir trauen seinem Optimismus nicht recht, wollen uns jedoch überraschen lassen.

Tatsächlich öffnet sich oben für eine kurze Weile ein winziges Fenster im dichten Nebel, so dass wir wie bestellt das Meer für einen winzigen Augenblick erkennen können.

Abwärts folgt zuerst eine Suche nach dem Weg, denn die Kennzeichen sind dünn gesät, und im Nebel verirrt man sich schnell. Steil steigen wir schliesslich über eine Wiese voller Löcher und Steine weiter hinunter und finden dort den Weg wieder, der den Abstieg wesentlich einfacher gestaltet.

Allmählich lichtet sich das Grau und lässt mehr und mehr freie Sicht auf das ionische Meer zu.

Am Strand fällt eine umfangreiche Siedlung neuer Häuser auf. Ein ausländischer Investor habe dort eine ganze Feriensiedlung errichten lassen. Ich frage mich, ob nicht allzu viel auf den Tourismus gesetzt wird. Haben die Menschen in Zukunft stets genügend Geld für Ferien?

Auf der Llogara-Passhöhe angekommen erlauben wir uns zuerst ein kühles Bier, bevor wir gerne in Dius Bus einsteigen, der uns zurück zum Hotel bringt.

Mit der Dusche haben wir etwas Mühe, denn zieht man am Knopf, so strömt zuerst Wasser von oben aus der Regendusche, dabei hat man erwartet, dass die Handdusche als erstes Wasser liefert. Wenigstens haben wir warmes Wasser nach der Wanderung, und dies ist im Moment das Wichtigste.

Nach dem Nachtessen bleibt uns nicht viel anderes übrig, als uns nach einem tüchtigen Raki in den Betten zu verkriechen.

 

Donnerstag, 13. Oktober:  Logara National Park – Gjipe Beach – Saranda

Nach der Änderung des Programms wandern wir heute zur Meeresküste an den Gjipe Beach. Nach dem Aussteigen aus dem Bus haben wir zuerst einen Weg durchs Gestrüpp zu absolvieren. Brasilianischer Pfefferbaum zeigt uns seine roten Beeren, Eicheln zieren ihre Sträucher, die ihnen ihr Leben ermöglicht haben. Einige wenige Blumen versuchen im Herbst ihr Glück, noch Bienen anzulocken. Die andern Büsche und Pflanzen sind mir eher unbekannt. Sie kratzen aber an unseren Armen und Beinen, so dass einige von uns Wanderern blutende Hautstellen davon tragen. Von Streicheleinheiten kann man kaum reden.

Hoch über den Felsen blicken wir in eine tiefe Schlucht, die vom Wasser in Jahrtausenden gegraben wurde. Wir wählen den Weg daneben, der jedoch steil abwärts führt. Dafür hat man eine prächtige Sicht aufs stahlblaue Meer.

Kaum am Meer verschwinden die Badefreudigen in den Gebüschen, um sich das Badekleid anzuziehen, und schon sieht man sie sich im Meer tummeln. Mir genügt der weite Blick hinaus auf die Unendlichkeit.

In einer Hütte wohnt ein alter Mann, und zwar das ganze Jahr, obwohl sich im Winter kaum ein Tourist in die abgeschiedene Welt verirrt.

Unangenehm fällt mir der ganze Unrat auf, der am ganzen Strand liegt. Wann lernt der Mensch endlich seinen Abfall mitzunehmen?! Ich kann dies wohl kaum mehr erleben.

Während des Aufstiegs machen die Sträucher in ihrer Lust gerne weiter mit Kratzen und Schaben und bringen weitere Äderchen an Armen und Beinen zum Platzen.

Eine weisse Blume mit vielen Blüten nennt sich Drehwurz, eine kleine lila leuchtende Dichelostemma Capitatum und ist ein Liliengewächs. Sie heisst auch Purpelhead.

Einige Esel wundern sich über uns Wanderer. Gottesanbeterinnen, einmal grün, ein anderes Mal braun, präsentieren ihre Eleganz. Oliven in Unmengen hangen an den zum Teil uralten Bäumen, und Bienenkästen bieten den Bewohnern Zuflucht, bevor sie wieder zu ihrer emsigen Tätigkeit beim Sammeln von Nektar aufbrechen.

In Vuno steigen wir über eine Leitplanke oder kriechen unten durch, denn schon trifft der Bus ein, der uns nach Qragu   eparo zum Mittagessen bringt.

Unterwegs erzählen uns die Leiter von Unterschieden zwischen Kosovo und Albanien.

Die Leute in Albanien pflegen ihre Häuser aussen sorgfältig, während das Innere eher vernachlässigt werde. Im Kosovo sei dies eher umgekehrt, denn man tätige Investitionen eher im Gebäudeinnern als an der Aussenseite. Man wollte nach dem Kosovokrieg möglichst schnell wieder in schönen,   vernünftigen und angenehmen Verhältnissen leben.

Bald jedoch fallen den meisten Reisenden auf der Fahrt nach Saranda die Augen zu. Diu hingegen führt uns sicher zum Hotel Buzë-Beach.

 

Freitag, 14. Oktober: Saranda – Führung durch Butrint

Da erneut Regen fällt, sind wir wenig erpicht, eine Wanderung zu unternehmen. Boris kommt dafür mit einer Führung durch das historische Butrint zum Zug.

„Die Geschichte der antiken Hafenstadt Butrint ist ein Fragment der Geschichte der mediterranen Welt.“ steht im Prospekt des Weltkulturerbes.

Gebäudereste aus der illyrischen, der hellenischen, der römischen, christlichen sowie der osmanischen Zeit sind in dieser Abfolge nebeneinander zu sehen.

Butrint war eine Achse des Handels, verhinderte zugleich die Ausbreitung des Osmanenreiches Richtung Westeuropa.

Besonders beeindruckt bin ich vom Brunnen, wo noch Spuren von den Seilen vorhanden sind, mit denen die Kübel voller Wasser heraufgezogen wurden.

Das kreisrunde Mosaik aus dem 6. Jh. ist mit Kieselsteinen und Sand zugedeckt, damit sich nicht alle Besucher unerlaubterweise ein Stück als Trophäe nach Hause mitnehmen. Das im Museum ausgestellte Foto ist jedoch beeindruckend und stellt das Herzstück der Ausgrabung dar.

Von der einstigen Kathedrale stehen noch mehrere Ziegelsteinmauern, die auf die Grösse der Kirche hinweisen.

Das Seetor stammt aus dem 4. Jh. v. Chr.

Beim Löwentor, das im Mittelalter wieder aufgebaut wurde, sticht hervor, dass der Eingang sehr niedrig gehalten ist, damit ein allfälliger Angreifer in gebückter Stellung leicht zu bekämpfen war. Der Löwe am Eingang soll die Stärke des Burgbesitzers symbolisieren.

Interessant sind auch die mächtigen Steinblöcke, die exakt aufeinander passen. Bei den Inkas in Peru konnten wir Ähnliches beobachten.

Das Mittagessen wird in einem Strandrestaurant serviert. Wir sind wahrscheinlich die letzten Gäste in diesem Jahr, denn nach Ende Oktober verirren sich kaum Touristen in diese Gegend.

Abends um fünf Uhr steht ein Konzert mit isopolyphonem Gesang an. Zehn Personen, zwei Frauen, acht Männer kleiden sich in traditionelle Kostüme ein. Ohne Instrumente singen sie uns einige Lieder vor. Vom Text verstehen wir nichts, und die Melodien sind für unsere Ohren eher ungewöhnlich, aber spannend ist es trotzdem zuzuhören, wie im fremden Land gesungen wird. Die Melodien gehen  auf ein altes Totenritual zurückgeht und beschreiben ein gemeinsames Jammern.

Beim Fisch Nachtessen ist es sehr laut im Esssaal. Man versteht kaum das eigene Wort. Am vielen Wein trinken kann es nicht liegen – oder doch?!

Jedenfalls verziehen wir uns zu früher Stunde in die ruhigen Zimmer im Hotel Buzë-Beach.

 

Samstag, 15. Oktober: Saranda – Delvine – Gjirokastra

Heute scheint die Sonne wieder prächtig vom Himmel und lässt das Meer azurblau erscheinen. Der Blick aus dem Hotelfenster ist umwerfend schön.

Wir wandern wieder, oder mindestens machen wir einen Spaziergang!

Wir besuchen das zweite „Blaue Auge“ bei Delvine etwas abseits der Strasse zwischen Saranda und Gjirokastra. 8 m3  Wasser pro Sekunde strömen aus dem Untergrund in schönsten Grün- und Blautönen an die Oberfläche. Bisher ist es noch nicht gelungen, die genaue Tiefe der Quelle zu erforschen. 50 m tief soll sie mindestens sein. Der Ursprung des Wassers ist nach wie vor unerforscht. Interessanterweise versiegte die Quelle während einiger Tage im Jahr 2005. Niemand weiss warum. Anschliessend sprudelte sie wieder wie zuvor.

Wieder über einen Pass gelangen wir zu einem familiengeführten Restaurant. Zwischen den Rebstöcken melden sich lautstark Truthähne und –hennen, welche die Störung offenbar nicht schätzen. Kaki-Früchte hängen über unseren Köpfen, als müsste man wie im Schlaraffenland nur den Mund öffnen, um davon zu essen zu bekommen.

Wohlgestärkt verlassen wir den angenehmen Ort und fahren nach Gjirokastra, eine Stadt des Weltkulturerbes. Sie stammt aus osmanischer Zeit. Ihre Eigenart sind die weissen Steine, woraus die Häuser gebaut sind. Man nennt sie auch die silbrige Stadt. Bedingt durch den Standort sind alle Strassen steil und mit Steinen besetzt. Boris meint, sie sei die schönste Albaniens.

Sie ist Geburtsstadt des berühmtesten Dichters von Albanien, Ismail Khadare, sowie des unrühmlichen Diktators Enver Hoxha.

Boris ist wieder als Stadtführer gefragt, und wir folgen ihm zuerst zum Hauptplatz, einem bescheidenen Platz an Grösse, aber mit fünf wegführenden Strassen.

Viele Souvenirläden bieten einheimische Produkte an. Besonders die sorgfältig bemalten Schüsseln und Früchteschalen wecken das Interesse. Cafés säumen die Strassen. Die Tische und Stühle stehen auf Podesten, um die Steilheit der Gassen auszugleichen.

Eine Büste an einer Steinwand erinnert an den Dichter Kadare und an eine mutige, intelligente, junge Frau, die es wagte, die misslichen Verhältnisse während des Hoxha-Regimes anzuprangern. Sie wurde jedoch gefangen genommen und verstarb im Gefängnis.

 

Beim Aufstieg zur Burg versucht mir eine Frau getrocknete Pflanzen des Verveine-Tees zu verkaufen, der überall als Bergtee angeboten wird und sehr lecker schmeckt.

Die Burg nennt man auch Ali Pasha Festung. Er verfügte über eine Armee von 100‘000 Kämpfern und beherrschte um 1810 Südalbanien, sowie weitere Gebiete. 1811 baute er ein 11 km langes Aquädukt für die Wasserversorgung der Stadt. 1821 wurde er wegen Untreue ermordet.

Ein weiterer sehr bedeutender Kämpfer war Skanderbeg. Er wurde als Kind von den Osmanen geraubt und zum moslemischen Glauben zu konvertieren gezwungen. Er wurde Militärkommandant  im Osmanischen Reich. Durch List gelang es ihm, sich seiner alten Wurzeln im christlichen Glauben bewusst, sich gegen die Osmanen aufzulehnen und die Stadt in seine Hände zu bringen. Die Fahne  mit dem doppelköpfigen, schwarzen Adler auf rotem Feld wurde als Symbol der neuen Machthaber von Albanien gehisst. Skanderbeg gilt deshalb als Befreier Albaniens.

Nach seinem Tod 1468 konnten die Osmanen Albanien trotzdem erobern und mehr als 500 Jahre lang beherrschen.

Wir haben die Möglichkeit ein typisches Gjirokastra-Haus zu besichtigen. Es verfügt über neun Kamine. Dies bedeutet, dass eine reiche Familie darin wohnte. Man bezahlte nach Anzahl der Kamine sogar die Steuern.

Zuunterst ist ein Bunker eingerichtet, eine Art Luftschutzkeller, daneben ein Keller, der wie ein Kühlschrank wirkt, sowie eine Zisterne, die den Keller ebenfalls zu kühlen hilft.

Im Erdgeschoss werden die Tiere von ihren Lasten befreit, die sie zum Haus bringen.

Im Obergeschoss liegt die Wohnung mit einem grossen Zimmer für ein junges Paar und einem kleinen für die Alten, damit die Wärme besser zusammengehalten werden kann.

Ein separater Raum stand nur den Frauen zur Verfügung, während ein anderer für die Männer bestimmt war, wo sie „wichtige“ Gespräche führen und Entscheidungen treffen konnten.

Interessant sind die in den Wänden eingelegten eichenen Holzbalken. Sie fangen im Falle eines Erdbebens die Erschütterungen auf, welche die Mauern selber brechen liessen.

Genug der Geschichte richten wir uns im Hotel „Kalemi 2“ in Gjirokastra für die Nacht ein.

 

Sonntag, 16. Oktober: Wanderung zum verlassenen Kloster – Berat

Weit hinauf, auf einem schmalen Strässchen führt uns Diu, bis es einfach nicht mehr weiter geht.

Hier, in „Saraqinishta“, sind wir bereits hoch über der einstigen, römischen Ruinenstadt Antigonea. Wir steigen jedoch nun zu Fuss weiter hinauf. Bei den letzten Häusern spricht Saimir einen Bewohner an. Ich, meistens als Hinterster unterwegs, da immer wieder Objekte anzuschauen und zu fotografieren sind, begrüsse die Frau ebenfalls, natürlich auf Schweizerdeutsch. Sie versteht jedoch nicht, was ich sage, antwortet in ihrer Sprache, die ich auch nicht verstehe. Trotzdem entsteht ein spannender Austausch. Ihr Mann, neugierig, mit wem seine Frau spricht, gesellt sich zu uns und trägt ebenfalls zum Gespräch bei. Er schenkt mir sogar eine Traube mit süssen Beeren. Boris fragt er nun, ob ich ein Kosovare sei, und plötzlich ist der Begriff „Svizzera“ im Raum, was wiederum ein freundliches Lachen und Plaudern mit sich bringt. Alle drei haben wir uns mit der Sprache nicht verstanden, aber unsere Mimik, unsere Gesten und schliesslich unsere Herzen kamen uns näher.

Noch die Beeren geniessend steigen wir weiter hinauf zu einem verlassenen Kloster. Weil es weit oben liegt und nur auf dem beschwerlichen Weg zu erreichen ist, wurde es wahrscheinlich aufgegeben. Noch prangen prunkvolle Fresken aus dem Jahr 1635 ungeschützt an den Wänden und Decken und erzählen Geschichten aus der Bibel, von Herrschern und Geistlichen. Man müsste mehr Zeit aufwenden und die Sprache verstehen, um all die Bilder genau zu interpretieren.

Hoch oben im Fels befindet sich eine kleine Zelle, die nur mit ein wenig Kletterei und über eine wacklige Eisentreppe zu erreichen ist. Die Neugierde ist grösser als die Bedenken, den Aufstieg nicht zu schaffen, so dass auch ich hinauf steige. Die Aussicht ist grandios, die Zelle selber bietet wenig Interessantes; sie besteht einfach aus einer dreiteiligen Höhle.

Beim Abstieg ins Dorf bellen laut zwei Hunde. Saimir bittet uns zusammen zu bleiben, denn Hirtenhunde würden ihre Tiere hüten und auf Einzelpersonen schlecht reagieren. Wir treffen auch auf einen  Hirtenjungen, der rund 80 Schafe und einige Ziegen hütet. Er lässt sich nicht auf ein Gespräch ein und macht sich schnell aus dem Staub.

Um schneller im Dorf „Dhoksat“ zu sein, oder um sich einen weiteren Trainingsaufbau zu gönnen, eilen Herbert, Martin und Ueli voraus, verpassen jedoch das anvisierte Lokal. Der grosse Teil der Gruppe findet sich bereits im Garten einer lokalen Familie ein, wo wir zu essen bekommen. Die Tische sind gedeckt, kleine Stoffmatten auf den Stühlen gelegt, damit wir keinen kalten Hintern bekommen, und selbst auf dem Rasen sind Teppiche ausgelegt. Reife Granatäpfel hängen von den Sträuchern und laden zum Stibitzen ein.

Alles ist bereit, aber wo bleiben die drei Läufer?

Der Wirt bietet Saimir sein Motorrad an, um nach den Verschollenen zu suchen. Doch schon bekommt er Bescheid, dass drei Unbekannte nach einem Lokal suchen. Gleichzeitig tauchen sie auf. Sie haben das Haus verpasst und erst unterhalb des Dorfes gemerkt, dass sie zu weit abgestiegen sind. Dafür haben sie durchs wieder aufsteigen ein paar Trainingsschritte mehr geleistet.

Das vegetarische Mittagessen auf dem Bauernhof schmeckt ausgezeichnet und ist wieder überaus reichlich bemessen. Nur der Wein ist gewöhnungsbedürftig.

Der Wirt und Bauer ist eben daran, Raki zu brennen. Er demonstriert uns, wie der ganze Vorgang zu verstehen ist. Die Maische der Trauben, die er während längerer Zeit stets umgerührt hat, leert er nun in einen grossen Behälter. Dieser wird mit einem Deckel abgedeckt und verkittet, damit das Gefäss dicht ist. Oben führt ein Rohr weg zu einem weiteren Kübel, wo der Alkohol, der bei ca. 60° verdampft, wieder abgekühlt wird und sich in den flüssigen Zustand zurück verwandelt. Über ein Röhrchen tropft nun schon bald der begehrte Raki heraus, sobald das Gasfeuer unter der Maische seine Wärme entwickelt hat.

Probieren gehört natürlich dazu! Der Wirt offeriert uns den edlen Saft in einer aufgeschnittenen Peperoni. Wenn ich den Branntwein nur lieber hätte!!

Gut genährt und vom Raki leicht besäuselt fahren wir während vier Stunden weiter nach Berat. Bei unserer Ankunft hat sich der Abend bereits in die Nacht verwandelt. Bedingt durch Umleitungen fahren wir mit dem Bus zuerst eine Runde durch die beleuchtete Stadt, können die Kathedrale und die Moschee erkennen, die friedlich nebeneinander ihren Gläubigen Platz bieten.

Und schon wieder geht’s zum Essen, obwohl der Hunger bald ein Fremdwort ist.

Im Hotel „White House Berat“ richten wir uns für die Nacht ein.

 

Montag, 17. Oktober: Berat

Berat ist die Stadt der „1000 Fenster“. Nach der Übersetzung heisst es zwar „Fenster über Fenster“ oder Stadt der „1001 Fenster“, in Anlehnung an die Geschichten von 1001 Nacht. Aber was soll’s! Sie ist eindrücklich am Fuss der Festung angelegt und scheint uns tatsächlich mit ihren vielen Fenstern freundlich willkommen zu heissen.

Eine spannende Legende machen zwei Berge zu einer lebendigen Begebenheit. Sie heissen Tomorr auf der einen Seite und Shpiragu, der langgezogenen Bergrücken, auf der andern Seite. Tomorr verliebte sich in Shpiragu. Dieser erwiderte seine Liebe nicht, worauf Tomorr mit seinem Schwert auf Shpiragu einschlug, und manche lange Spuren hinterliess, um seine Kraft und seinen Mut zu beweisen. Shpiragu erwiderte die Liebe trotzdem nicht. Tomorr begann darauf so stark zu weinen, dass sich der Fluss Osuma bildete und heute noch in grosser Breite dahinfliesst.

Eine andere Legende von Wikipedia berichtet von einem Streit zwischen den Bergen Baba Tomorr und Shpiragu um die Stadt Berat. Im Kampf verbeulte Shpiragu den Nebenbuhler mit einer Keule, während er selber von Tomorr mit der Sense verletzt wurde: Furchen, die noch heute auf den Flanken zu sehen sind.

Der Diktator, Enver Hoxha, missbrauchte den Berg Shpiragu, um seine Macht zu demonstrieren. Er liess in riesigen Lettern seinen Namen an die Bergwand malen. Nach seinem Tod wurden allerdings die Buchstaben von „Enver“ in „Never“ vertauscht, um zu zeigen, dass man niemals wieder einen ähnlichen Diktator haben möchte.

Da wegen des Regens in Tirano mindestens eine Wanderung fast buchstäblich ins Wasser fiel, gibt’s einen Ersatz in Berat, der uns zuerst über den Fluss Osuma führt, dann steil aufwärts, so dass wir nochmals ins Schnaufen kommen.

Wir geniessen die wunderbare Aussicht auf die Stadt, den breiten Fluss und die Berge. Schief wachsende Pinien verraten, dass oft starker Wind bläst, dem sie soweit möglich ausweichen.

Im Café erholen wir uns von der angenehmen, überaus prächtigen Wanderung bei einem Espresso und warten auf Diu. Männer, die an einem Tisch sitzen und miteinander plaudern, möchte ich gerne fotografieren. Zwei von ihnen winken mir zu, ich soll zu ihnen herkommen, doch ich verstehe ihre Handzeichen nicht recht und glaube, sie möchten nicht auf dem Foto erscheinen. Ich gehe zu ihnen hin, aber schon heisst es in den Bus einsteigen und abfahren.

Der Bus steht schon bereit, doch wo steckt Diu? Schon kommt er beladen mit weissen Säcken daher und lacht verschmitzt dazu. Aber was verlädt er denn in den Bus? Mindestens sechs grosse Säcke voller Oliven hat er in dieser reich an Olivenbäumen gesegneten Gegend gekauft. Sie sollen besonders gut sein. Er soll sie in seiner Familie verteilen oder verkaufen, erfahren wir nachher. Zur Familie gehören selbstverständlich alle Verwandten auch dazu.

Der Nachmittag gilt dem Festungshügel. Die Festung ist riesig gross, so dass rund 300 Familien auf dem Gelände in kleinen Häusern wohnen können. Diese haben eine kleine Grundfläche, doch der obere Stock ragt weit in die Strasse hinaus, und der zweite ist noch um einiges mehr über die Grundmauer gebaut. Die Hausbesitzer bezwecken damit, trotz der geringen Grundfläche mehr Wohnraum zu gewinnen. Es erinnert mich an die Bauweise von alten Riegelhäusern in der Schweiz, deren Obergeschosse ebenfalls in die Strasse hinausreichen.

Die 1797 wieder aufgebaute Kirche ist eines der repräsentativsten Monumente der byzantinischen Architektur. Sie ist heute ein Museum für Ikonen. Sie beherbergte den berühmten Codex von Berat, eine griechische Handschrift des Neuen Testaments, die auf das 6. Jh. datiert wird. Die Handschrift ist auf purpurgefärbtem Pergament geschrieben, allerdings unvollständig erhalten.

Besonderen Ruhm erlangte der Ikonenmaler Onufri durch die Verwendung eines besonderen rötlichen Tones, der von keinem anderen Maler reproduziert werden konnte. Das Onufrirot ist heute noch ein ganz besonderes Rot, das nicht bis ins letzte erforscht und nachgemacht ist.

In der Stadt haben wir die Möglichkeit, einen Blick in die alte Moschee zu werfen. Der Gebetsraum zeichnet sich durch besonders schöne Farben in Weiss, Rot, Gold und Grün aus. Die Decke ist mit fantastischen Schnitzereien verziert. Sie diente dem besonderen Sufi-Orden, der die von den Osmanen gestohlenen katholischen und zur Konvertierung gezwungenen Kinder aufnahm.

Boris verrät uns, dass im grossen Gebäude, das heute zu einem Hotel umgebaut wurde, einst die Universität der Stadt eingerichtet war. Sie hatte allerdings einen schlechten Ruf, denn Uni-Diplome konnten mit genügend Geld gekauft werden. Sogar der Sohn von Umberto Bossi, dem grossmauligen,  italienischen Politiker sei im Besitz eines Diploms, obwohl er nie in Albanien gewesen sei. Auf welche Weise er es erworben hat, bleibt im Dunkeln.

Während wir uns zu einer weiteren Mahlzeit zum Restaurant begeben, erscheint ein Brautpaar. Die hübsche Braut ist ganz in Weiss gekleidet, ihre Brautführerin ebenfalls. Der Bräutigam hingegen trägt seinen Anzug eher locker und ohne Krawatte.

Am späten Nachmittag findet eine Weindegustation auf einem Weingut statt. Fünf Weinsorten können wir probieren, dazu Käse, Brot und Fleisch vom Tisch geniessen.

Der ganze Betrieb ist in Familienbesitz. Nur bei der Weinlese wird Hilfe von Aussenstehenden beansprucht. Der Verkauf des Weins ist zum Teil schwierig, denn Albanien gehört nicht zur EU. Der grosse Absatzmarkt fehlt deshalb. In schweizerischen Feuerthalen kann man albanischen Wein kaufen, der hier produziert wird.

Auf meine Frage, ob es nicht sinnvoller wäre, kleine Produzenten eventuell zu Genossenschaften zusammen zu schliessen, wird eher ablehnend reagiert. Kleine Produzenten würden nicht existieren, und das Interesse sei nicht vorhanden.

Ein Nachtessen wäre noch geplant, aber niemand verspürt Lust dazu. Höchstens zu einem Dessert wären wir bereit.

Tiramisu ist im Lokal, das wir wählen, leider nicht zu haben. Die meisten von uns entscheiden sich für eine Crêpe. Diese ist allerdings riesig gross und vor dem Schlafen wenig geeignet. Wir sitzen im oberen Stock des Restaurants. Entsprechend wird die Hitze bald unerträglich, so dass wir bald an die frische Luft ins Freie flüchten.

Käthi hat einen Husten eingefangen und kämpft mit ihrer Gesundheit.

Im Hotel „White House Berat“ wird’s bald ruhig, denn alle sind müde.

 

Dienstag, 18. Oktober: Berat –  Tirana – Bauma

Bereits bricht unser letzter Reisetag an. Die Koffer sind gepackt, aber das Ethnografische Museum wollen wir nicht verpassen. Eine rassige Albanerin empfängt uns mit einem gefälligen und gewinnenden Lachen, um uns in die Geheimnisse ihres Museums einzuweihen.

Berat verfügte vor dem Hoxha-Regime über rund 900 Basarstände, eine grosse Menge für die Stadt. Das Museum, das Haus einer früher bessergestellten Familie, ist ähnlich aufgebaut wie dasjenige in Gjirokastra. Es ist aus der osmanische Zeit mit Lager- und Verladeräumen unten, den Wohnräumen im Obergeschoss und separaten Zimmern für die einzelnen Tätigkeiten. Ein besonderer Raum ist wiederum den Männern für wichtige Entscheidungen vorbehalten. Der albanische Doppeladler ziert die Wand des wichtigsten Raums. Viele Gebrauchsgegenstände, wie die Ölmühle, das Schneidewerkzeug für Tabak, die verschiedenen Gefässe zur Aufbewahrung von Lebensmitteln und Kochutensilien machen das Haus mit den Erklärungen der Leiterin zu einem lebendigen Museum.

Uns bleibt noch eine wunderschöne Fahrt nach Tirana, durch eine Gegend, die es an Schönheit und Anmut mit der italienischen Toscana durchaus aufnehmen kann.

Ein letztes Mal geniessen wir ein albanisches Mittagessen, dies auf einem Bauernhof beinahe mitten in der Stadt. Er gleicht zwar eher einer Gärtnerei, in der viel Gemüse und Salat angebaut wird. Wir haben auch die Gelegenheit, die unter Plastikdächern geschützten Pflanzungen anzusehen. Auch Gästezimmer stehen zur Verfügung.

Das frisch zubereitete Mittagsmahl schmeckt wiederum ausgezeichnet, und niemand muss hungrig vom Tisch.

Nach Kaffee und Raki ist es Zeit zum Flughafen zu fahren.

Meer und Landschaft Albaniens verschwinden unter uns, während wir heimwärts zu fliegen.

In Zürich am Gepäckausgabeband kommt das herzliche Verabschieden, und wir verziehen uns in verschiedene Richtungen zurück nach Hause.

Eine grossartige Reise ist zu Ende. Was bleibt, entscheidet jede und jeder selber. Ich habe ein neues Land kennen gelernt, von dem ich kaum etwas kannte, habe nette, freundliche Menschen getroffen,  und mit den Mitreisenden eine Gruppe angenehmer Leute.

Die überaus herzliche Gastfreundschaft und das reichhaltige, variantenreiche Essen werden stets mit Albanien verbunden sein.

Besonders in Erinnerung werden mir die beiden Leiter Samir und Boris bleiben, die mit grossem Engagement und ehrlicher Begeisterung ihr Land Albanien vorstellten und uns „gluschtig“ auf mehr machten.

Vielen herzlichen Dank den Leitern Saimir und Boris, sowie allen Mitreisenden!!

Reiseteilnehmer und Schreiber: Walter Ledermann

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